All Lives Matter?!

Nach meiner Kolumne zu Black Lives Matter und dem Podcast »More Than A Hashtag«, fordert mich die aktuelle Situation heraus, noch einmal etwas zum Thema Rassismus zu schreiben. Warum? Nicht (nur), weil es trotz Kolumne und Podcast immer noch Rassismus gibt, sondern, weil ich mich ärgere. Aufrege. Es einfach nicht verstehe. Und zwar über die Damen und Herren der All Lives Matter Gegenbewegung. Die bringen mein Blut so richtig in Wallung … deswegen muss ich das Folgende hier jetzt mal loswerden:

Wie im Kindergarten

Erinnerst du dich an den großen Sandkasten im Kindergarten? Irgendwann hat da jeder mal drin gespielt. Kinder und Sand, das gehört einfach zusammen. Auf jeden Fall gibt es zwei Typen von Sandkastenspielern: 

  • Die einen wollen die höchste Sandburg und bauen sie auch. Egal wie hoch die anderen Kinder ihre Burgen bauen. Sie bauen seelenruhig weiter – und noch höher. Am Ende ist der Sandkasten voller schicker Sandburgen und man kann wunderbar spielen. 
  • Die anderen wollen ebenfalls die höchste Sandburg. Sie bauen höchstens mit halber Energie, weil sie den Rest darauf verwenden, die Sandburgen der Anderen einstürzen zu lassen, aus Versehen drauf zu treten, Kinder hinein zu schubsen usw. Am Ende sieht der Sandkasten aus wie ein Schlachtfeld und es gibt eine gar nicht so tolle und hohe Sandburg. Aber die ist die höchste, weil sie nunmal die einzige ist. 

Genauso ist es im echten Leben auch: Wer sich fragt, warum es Menschen gibt, die es anscheinend nicht aushalten, dass es gerade eine Black Lives Matter Bewegung gibt, die vor allem völlig berechtigt und noch viel zu klein und wenig einflussreich ist; warum es Menschen gibt, die »NEIN« und »ALL LIVES MATTER« brüllen müssen, der findet die Antwort im Sandkasten im Kindergarten.

Natürlich gibt es auch einfach Nazis oder Arschlöcher, die per se etwas gegen Black Lives haben, aber für alle anderen gilt der Kindergarten. 

Was andere haben, fehlt immer mir

Ich glaube ja, dass viel zu viele Menschen in ihrem Leben von einer großen Angst getrieben werden. Der Angst zu wenig zu haben, beachtet zu werden. Die Angst vor Mangel. 

Aus dieser Angst heraus, muss Black Lives Matter dann bedrohlich wirken, weil die Angst vor Mangel immer mit folgender Logik funktioniert: Wenn jemand anderes etwas hat, dann fehlt es mir automatisch. Wenn jemand anderes etwas bekommt, nimmt man es mir zwangsläufig weg. 

Ich fürchte, dass die All Lives Matter Menschen genauso ängstlich denken und leben: Wenn es jetzt um Rechte von Schwarzen geht, dann bekommen die ja etwas. Das hab‘ dann nicht ich. Das wird mir dann weggenommen. Und wenn die jetzt noch dafür demonstrieren und die Gesellschaft unter Druck setzen, wirklich etwas zu ändern, dann wird mir ja nicht nur etwas weggenommen, dann wird es mir (gefühlt) sogar entrissen.

Was für eine schlimme Lebenseinstellung ist das? Wie unglücklich muss so ein Leben sein, das von dieser Mangelangst bestimmt wird? Und wie viel Leid richtet so eine Lebenseinstellung an? Allein in unserem Beispiel. Da wird die Black Lives Matter-Bewegung fast erstickt und auf ihre Fehler reduziert. Der eigentlich berechtigte Protest von Menschen, die Ausgrenzung, Unterdrückung, Gewalt etc. erfahren, wird einfach übergangen oder klein geredet. Was ist die Folge: noch mehr Ausgrenzung, Unterdrückung und Gewalt gegen Betroffene! 

Merkst du, wie da der Sandkasten zuschlägt? Wenn ich nicht die höchste Sandburg bauen kann, also hier am meisten Aufmerksamkeit kriegen kann, dann mache ich halt die Burgen der anderen kaputt. Dann kann meine Burg noch so armselig sein. Am Ende ist sie die höchste. 

Der Sand ist fast unendlich

Dabei ist das letztlich doch einfach nur armselig. Weiße Menschen, die so privilegiert sind, wie man es nur sein kann auf diesem Planeten, haben Angst davor, dass andere auch etwas Beachtung und so etwas wie Menschenrecht zugesprochen bekommen? 

Dabei gibt es doch genug Sand. Diese Mangelangst ist einfach Fake-News. Es gibt so viel Sand im Sandkasten. Der geht nicht einfach aus, bloß weil da auch noch andere Kinder drin bauen. Es gibt genug Sand für alle. Der Sand ist fast unendlich. Wir könnten gemeinsam eine Sandburgenstadt bauen und es wäre immer noch Sand übrig. Schön aussehen würde es auch noch. Alle hätten Spaß und es wäre wunderbar, darin zu spielen.
Es gibt genug Aufmerksamkeit etc. auf dieser Welt, dass alle Menschen fair behandelt werden, gut Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben haben und frei von Gewalt und Unterdrückung leben können. Gibt es. Wäre auch eine tolle Welt, in der es deutlich mehr Spaß machen würde zu leben. 

Aber dafür braucht es eine Überflußfreude und keine Mangelangst. Dafür braucht es die Gewissheit, dass alle Menschen wie Menschen behandelt werden können – und mir das nichts wegnimmt. Im Gegenteil! Es macht die Welt für uns alle schöner und besser. 

All Lives can’t Matter, before Black Lives Matter 

Ja, natürlich »Mattern All Lives«. Keine Frage. Aber es geht halt gerade mal ausnahmsweise nicht um uns weiße Privilegierte. Sondern um Menschen, die in der Not sind, dass ihr Leben nicht sonderlich zu mattern scheint, dass ihr Leben anscheinend nicht so wirklich zu den all lives dazu gehören.

Deswegen haben sie das Recht auf Black Lives Matter. Und wir sollten sie unterstützen. Sollten mit ihnen an ihrer Sandburg bauen, anstatt sie zu zerstören.

Ashton Kutcher erklärt unter Tränen, warum All Lives Matter das Ziel verfehlt.

Wer auf die Mangelangst hereinfällt, der lässt sich dann schnell darauf ein, dass die einen gegen die anderen ausgespielt werden. 

Ein Beispiel: »Die Ausländer nehmen euch eure Rente weg!« So etwas kann ich nur glauben, wenn es mir allein um mein Auskommen geht. Allein um meine Privilegien. Dann muss ich die verteidigen und schreie im Chor mit »Ausländer raus!«. Zurück bleibt dann im »Erfolgsfall« die überalterte biodeutsche Gesellschaft, die sich deine Rente nicht mehr leisten kann. Wäre es nicht viel klüger aus Überflussfreude heraus zu sagen: Da kommen Menschen in unser Land. Das heißt:

  1. In unserem Land ist es echt cool.
  2. Die wollen hier mit anpacken und schaffen Werte. D.h. die machen unser Land vielleicht sogar noch besser.
  3. Wir können gemeinsam dafür arbeiten, dass unser aller Renten nicht nur sicher, sondern auch angemessen sind.

Wenn ich so denke und lebe, dann kann ich auf Veränderungen zugehen, anderen etwas gönnen und mit daran arbeiten, dass wir gemeinsam tolle Sandburgen bauen. 

Black Lives Matter schließt kein Leben aus – es ist lediglich eine dringend nötige Fokussierung!

Das Ding mit den Schafen

In meiner Facebook-Timeline sehe ich in letzter Zeit öfter folgende Herleitung der Richtig- und Wichtigkeit von Black Lives Matter – so oder ähnlich: Wer als Christ Black Lives Matter nicht so gut hören kann und den Eindruck hat ein All Lives Matter dagegen setzen zu müssen, der darf seine Bibel aufschlagen und in Lukas 15 das Gleichnis vom verlorenen Schaf lesen. Ein Hirte hat hundert Schafe und eines ist plötzlich verschwunden. Der Hirte lässt die 99 zurück, um das eine zu finden. So macht es Gott mit uns Menschen auch, sagt Jesus. Jetzt hätten sich die 99 natürlich fragen können: Aber was ist mit uns? Sind wir nicht wichtig? Es darf nicht heißen »Verlorenes Schaf Matters«, sondern »All Sheeps Matter«!

Aber der Punkt ist der (und die Schafe haben das anscheinend verstanden): Natürlich sind die 99 wichtig. Aber sie sind nicht in Gefahr. Das eine, das verlorene Schaf schon. Deswegen der Einsatz des Hirten (Jesus) für Einzelne in Gefahr. Deswegen Black Lives Matter. 

Ist doch eigentlich ganz einfach, order? Und christlich ist es auch noch. Da kann doch eigentlich nichts mehr Sheep, äh schiefgehen. 

Jugendgruppe spielt die Geschichte vom Verlorenen Schaf für die Konfirmation nach.

Mehr als ein Hashtag

Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns gegen jede Form von Rassismus stellen. Dass wir ganz deutlich machen, dass für uns gilt: Black Lives Matter – aber so was von! 

Deswegen ist es so wichtig, dass wir bei uns selber anfangen und wirklich reflektieren: Wo bin ich denn vielleicht rassistisch unterwegs? In welchen Lebensbereichen bin ich von Mangelangst geprägt? Wo trete ich andere Sandburgen um?

Deswegen ist es so wichtig, dass wir in unseren Gruppen über Rassismus sprechen, gemeinsam reflektieren, aktiv werden und aus Mangelangst Überflussfreude werden lassen. 

Nicht wichtig, aber dafür spaßig wäre, wenn du mit deiner Jugendgruppe mal wieder im Sandkasten spielen würdest. Davon hätte ich dann gern Fotos 😉

—Dein Heiko 

Zum Weiterlesen:

Buchempfehlung für eure Jugendlichen: The Hate U Give: Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 (Angie Thomas)*


Dazu passt:

Foto von Clay Banks auf Unsplash


Heiko Metz

Heiko Metz war Jugendpastor, Landesreferent für die Arbeit mit Kindern und hat eine Kinderfreizeiteinrichtung für benachteiligte Kinder in der schönsten Stadt am Rhein geleitet. Er engagiert sich bei Compassion als Gemeindereferent und ist Lehrbeauftragter für Gemeindepädagogik/ Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an der Evangelischen Hochschule TABOR. Er liebt Kaffee, Jaguare (zum Fahren, nicht unbedingt die Tiere), Bücher, Eis, Single Malt Whisky, Swing und staunt immer wieder neu über Gottes Liebe zu den Kindern dieser Welt.

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