Wir dürfen zur Familien-Reha!

Wie lange haben wir auf diesen Brief gewartet! Die Zusage der Krankenkasse, dass wir zur Reha fahren. Als ganze Familie. 

Nach hunderten Briefen, Anträgen, Attesten und einigen Monaten Wartezeit war sie da. Die Zusage. Wir dürfen zur Familien-Reha! Nach Österreich!! Für vier Wochen!!!

Wunderbar! Und: Man haben wir das nötig!

Und dann kam es mal wieder anderes gedacht. Sohne 02 musste erneut ins Krankenhaus. Zwei Not-OPs, Aufenthalt auf der Intensivstation etc.

Je länger der Aufenthalt im Krankenhaus dauerte, desto zittriger wurden wir mit Blick auf die Familien-Reha. 

Letztendlich hat es geklappt. Zwei Tage lagen zwischen Entlassung und Start in die Reha. Die waren entsprechend vollgepackt.

Jetzt sind wir mitten drin in der Reha und alles ist gut. Aber wenn wir gewusst hätten, dass man für die Strapazen der Vorbereitung ne eigene Kur bewilligt bekommen müsste …

Coronatest des Grauens

Überall wird so viel von Coronatests gesprochen und geschrieben, ich habe es mir einfach vorgestellt, sich testen zu lassen. Naiv wie ich bin. 

Die Reha-Einrichtung hatte uns geschrieben, dass wir einen negativen Corona-Test nachweisen müssen, um anreisen zu dürfen. So weit, so einleuchtend.

Anruf beim Hausarzt. Termin für einen Coronatest für drei Leute ausmachen. Sohn 02 wurde in der Klinik getestet. Ja so einfach ist das nicht, bekam ich zu meiner Überraschung zu hören. Sie haben ja gar keine Symptome. Da kann ich nicht so einfach einen Test machen. Das zahlt ja die Krankenkasse nicht. Das Ende vom Lied: Entweder im Testzentrum versuchen. Da weiß er aber auch nicht, obs klappt. Oder bei ihm machen und selber zahlen. Mit 400€ sind wir für die drei Tests dabei. 

Diverse Telefonat mit der Krankenkasse, die das ja gar nicht einsieht, diese Tests zu bezahlen. Sind ja schließlich „freiwillig“. Dazwischen auch mal mit Menschen bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen gesprochen, denen das alles irgendwie leid tut, die da aber auch keine Idee haben, wie man das machen könnte. Das Testcenter in Marburg hat auch nette Mitarbeiter, aber eine Lösung gibt es trotzdem nicht. Im Testcenter werden Leute getestet, die eine ärztliche Verordnung haben oder aus Risikogebieten kommen. Beides kostenlos. Bekommen den Vorschlag doch schnell nach Malle zu fliegen. Dann gäbs die Tests kostenlos. Wär billiger, als die Tests beim Hausarzt selber zu bezahlen. Sonst kostets. Wie viel genau kann man uns nicht sagen. Aber so zwischen 100 und 300€ pro Test.

Der ärztliche Leiter der Reha-Einrichtung schreibt extra für uns einen Brief, in dem er unmissverständlich klar macht, dass es sich hier um gesetzliche Vorgaben in Österreich handelt und der Test deswegen integraler Kurbestandteil ist – die Krankenkasse also zahlen muss. Interessiert nur die Krankenkasse nicht. 

Dafür gibts den Hinweis, dass man sich ganz sicher sei, dass das örtliche Gesundheitsamt für unseren so speziellen Fall eines unfreiwilig-freiwilligen Corona-Tests. Als das Gesundheitsamt uns auch nur wieder an das Testcenter verweist, meint die kompetente Krankenkassenmitarbeiterin am Telefon, dass der Arzt halt einfach so tun solle, als ob wir Symptome hätten. Könne doch eh keiner nachprüfen.

Es bleibt also nichts anderes übrig. Selber zahlen oder nicht zur Reha fahren. Weitere Recherche ergibt, dass das Testcenter im Flughafen Frankfurt gut, schnell und günstig ist. Hier gibts den Test für 60€ pro Nase.

Am Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus also mit Sack und Pack zum Flughafen gondeln, dort durch die coronabedingt leeren Gänge irren, bis das Testcenter gefunden ist … und dann gehts ganz schnell. Test gemacht, 6 Stunden später sind die Ergebnisse per Mail da. Wir hatten das Geld zwar nicht wirklich übrig, aber immerhin hats geklappt. 

Einen Tag später fällt uns auf, dass das Ergebnis von Sohn 02 noch nicht da ist, hatte das Krankenhaus extra am letzten Tag gemacht, damit es aktuell ist. Nett und so. Anruf im Krankenhaus. Die diensthabende Schwester weiß nix, die Sekretärin ist krank, die Ersatzkraft sitzt im Homeoffice und macht dann auch bald Feierabend … Nach einigem Hin und her findet sie heraus, dass das Ergebnis da ist. Aber sie darf es uns nicht schicken. Datenschutz und so. Am Ende erbarmt sich einer der Stationsärzte, der uns kennt und schickt uns die Ergebnisse zu. 

Puuh. Wir können zur Familien-Reha fahren. Jetzt in echt. 

Was soll das? 

Das wäre jetzt allerdings meine Frage an … alle. 

Warum ist das mit den Tests nicht klar und deutlich geregelt, so dass jeder weiß, wie es funktioniert? Unsere gefühlt 100 verschiedenen Gesprächspartner hatten 200 Meinungen dazu, wie da jetzt was warum geregelt ist und funktioniert. Das darf doch nach Monaten der Pandemie und Testerei einfach nicht sein. 

Liebe Krankenkasse, wenn ihr die Tests einfach bezahlt hättet, wäre es euch billiger gekommen. Die Zeit, die ihr mit uns am Telefon, mit Recherche und Absagen verprasst habt, kommt euch am Ende teurer als die drei Tests. Seid gewiss: Ich werde die Belege für die Tests bei euch einreichen. Und euch keine Ruhe damit lassen. Aber vor allem hätte es gezeigt, dass es euch interessiert, wie es uns geht. Wir bekommen diese Reha ja nicht aus Spaß. Wir laufen seit Jahren am Limit. Mit dem Krankenhausaufenthalt waren wir weit über unserem Limit. In den 1 ½ Wochen vor Reha-Antritt haben meine Frau und ich neben allem anderen Chaos zusammen mehrere Arbeitstage damit verbracht, die Frage zu klären, wie wir jetzt an so einen Test kommen. Die ständige Unsicherheit, ob nicht an diesem Mist unsere Reha scheitern könnte, hat es jetzt auch nicht wirklich besser gemacht. 

Was mich besonders ärgert: Im Gespräch mit Eltern hier in der Reha hört man dann „Also in Bayern zahlt das der Staat. Wir hatten keine Probleme.“ „Unsere Krankenkasse hat das bezahlt. Müssen die doch auch, gehört doch zur Kur, oder?“ Es scheint also auch einfach zu gehen. Warum genau noch mal bei uns nicht? 

Was mich noch mehr ärgert ist, dass es halt wie immer ist. Wer sich um das alles kümmern kann, den Mut und die Geduld hat mit hunderten Leuten zu telefonieren etc., der bekommt am Ende ein halbwegs befriedigendes Ergebnis hin. Wer dazu nicht in der Lage ist (aus welchem Grund auch immer), zahlt selber und viel, oder fährt halt nicht zur Reha. Obwohl sie nötig ist. 

Unser Gesundheitssystem ist gut und wir meckern hier sicher auf hohem Niveau, aber ich denke, dass es unter unseren Ansprüchen sein sollte, dass Menschen, die benachteiligt sind, Dinge nicht bekommen, die ihnen eigentlich zustehen, bloß weil sie sie nicht erstreiten können. 


Heiko Metz

Heiko Metz war Jugendpastor, Landesreferent für die Arbeit mit Kindern und hat eine Kinderfreizeiteinrichtung für benachteiligte Kinder in der schönsten Stadt am Rhein geleitet. Er engagiert sich bei Compassion als Gemeindereferent und ist Lehrbeauftragter für Gemeindepädagogik/ Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an der Evangelischen Hochschule TABOR. Er liebt Kaffee, Jaguare (zum Fahren, nicht unbedingt die Tiere), Bücher, Eis, Single Malt Whisky, Swing und staunt immer wieder neu über Gottes Liebe zu den Kindern dieser Welt.

1 Kommentar

Wilfried Büttner · 22. September 2020 um 12:33

Das ist echt der HAMMER, lieber Heiko!
Was für ein zusätzlicher Stress!
Also, ganz ehrlich, du hast das so anschaulich geschrieben – das wäre auch ein Zeitungsartikel wert!
EUCH noch eine ERHOLSAME, GESEGNETE Familienkur,
herzlichen Gruss,
Wilfried

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