Gott holt den Boxsack raus

Lies mal: Hosea 11,1-11

Gott ist mal so richtig sauer! Nicht nur, dass er in diesen Versen hier vor sich hinschimpft, nein das tut er schon seit Kapitel 4 des Hoseabuches; die längste Schimpfftirade Gottes über Israel. 

Wenn man sich Gottes Schimpfliste mal näher anschaut, dann hat er auch allen Grund, so richtig sauer zu sein:

„Denn es ist keine Treue, keine Liebe und keine Erkenntnis Gottes im Land, sondern Verfluchen, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen haben überhandgenommen, und eine Blutschuld folgt der anderen.“ (Hose 4,1-2)

Sogar die Priester bilden keine Ausnahme – sie sind im Gegenteil die Allerschlimmsten:

„Sie nähren sich von den Sündopfern des Volkes und sind gierig nach seiner Schuld“ (Hosea 4,8)

Und Gott lässt den Propheten noch einen drauf setzen: „Alsdann werden sie kommen mit ihren Schafen und Rindern, den HERRN zu suchen, aber ihn nicht finden; denn er hat sich von ihnen gewandt.“ (Hosea 5,6). „Sie sollen vertilgt werden; denn sie sind abtrünnig geworden von mir.“ (Hosea 7,13)

Israel wendet sich von Gott ab, obwohl er sich so liebevoll um es gekümmert hat. Es wendet sich ab, obwohl Gott es aus Ägypten gerufen und durch die Wüste geführt hat. Wendet sich ab, obwohl Gott trotz aller Verfehlungen immer wieder gnädig war.

Gott ist am Ende?!

Ist das nicht eine schier unglaublich Sache, wie uns Gott da geschildert wird? Gott scheint am Ende. Am Ende seiner Hoffnungen, dass Israel sich ihm zuwendet, ihn liebt? Am Ende seiner Liebe? So wie vielleicht manche Eltern mit ihren Kindern die Geduld verlieren, wenn Enttäuschung, Verärgerung, Zorn stärker sind als alles andere? Oder ein Partner vom anderem nach einem Ehebruch …

Darf man so überhaupt von Gott reden und denken? So menschlich? Sind Zorn, Wut und Rachegefühle nicht mindestens unmoralisch – vielleicht sogar unchristlich?

Gott scheint – Gott sei Dank – kein Moralist zu sein. Bei ihm gibt es – laut unserem Bibeltext – diese Gefühle der Enttäuschung, des Zorns, …

Spannend ist nun zu beobachten, wie Gott mit seinen Gefühlen umgeht.

„Wie kann ich dich preisgeben?“ (Hosea 11,8) fragt Gott sich selbst und stellt seine Gefühle damit auf die Probe. „Mein Herz ist eines andern Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt.“ (Hosea 11,8

Mein Herz, meine Barmherzigkeit wendet sich gegen meine Wut und Enttäuschung, sagt Gott. Deshalb gebietet er seinem eigenen Zorn Einhalt, denn – so die Begründung – „ich bin Gott und nicht ein Mensch und ich bin der Heilige unter dir und will nicht kommen, zu verheeren.“ (Hosea 11,9) Er erinnert sich an seine Heiligkeit, daran, dass Liebe, Treue und Vergebung zu seinem Wesen gehören, nicht aber Gewalt, Bestrafung und Zerstörung. Bei Gott behalten Liebe und Erbarmen das letzte Wort.

Der Rest ist Geschichte

Hosea kündigt Israel das Gericht Gottes an. Nur ca. 20 Jahre nach dem Auftreten Hoseas wird Israel 722 v.Chr. von Assyrien unter Salmanassar V. erobert und in Teilen ins Exil geführt. 

Aber das ist nicht Gottes letztes Wort: 538 v.Chr. beginnt unter Kyros II. die Rückführung der Israeliten.

Ich mag den sauren Gott, der trotzdem liebt

Ist es nicht unglaublich tröstlich und ermutigend, dass Gott einfach mal sauer ist? Dass Gott nicht den Tugenbold gibt und wir uns deswegen nicht aller zornigen Gefühle wegen schuldig fühlen müssen? Dass wir ehrlich mit uns sein können? Dass Gott nicht von uns erwartet, dass wir „göttlicher“ sind, als er selbst?

Also darf ich wütend sein, wenn Kinder oder Frauen missbraucht werden. Ich darf enttäuscht sein aufgrund der Kinderarmut in Deutschland und weltweit. Ich darf am liebsten laut schreiben und zuhauen wollen, wenn von Kriegen, Umweltverschmutzung, Armut, Vereinsamung und Klimawandel berichtet wird.

Wenn Gott „der Heilige unter dir“ ist – mitten unter und in uns: dann steht es uns gut an, Zorn und Rachegedanken in uns wahrzunehmen. Noch besser steht es uns allerdings an, uns nicht davon leiten zu lassen, sondern Gottes Liebe zum Maßstab zu machen.

Wie kann das Gelingen, wenn Gott selbst mit sich ringen muss? Das Streben der Liebe Gottes ist so stark, dass Gott in Jesus selber Mensch wird. Er kommt als einer, der alles Recht, alle Macht und den nötigen Zorn hat, uns zu richten, aber der sich gleichzeitig nichts sehnlicher wünscht, als uns zu verzeihen und uns wieder in seiner Familie begrüßen zu dürfen. In Jesus wendet sich Gottes Herz letztgültig gegen seinen Zorn. Das und nur das macht es auch für uns möglich, Zorn, Wut, Enttäuschung … zwar zu empfinden, sich aber trotzdem – oder gerade deswegen – von Gottes Liebe bestimmen zu lassen. 

Wenn wir um uns herum viele Dinge entdecken, auf die wir wütend sein können – wie steht es mit Gott? Ich denke, wir können davon ausgehen, dass Gott auch heute wütend und enttäuscht sein kann – wie damals. Wütend, wenn er missbrauchte Kinder und vergewaltigte Frauen sieht,enttäuscht wegen der Kinderarmut. Kurz vorm Zuschlagen wegen Kriegen, Umweltverschmutzung, Armut, Vereinsamung, Klimawandel und mir, der nichts dagegen tut.

Was bedeutet es, mich nicht von Zorn, Wut, Enttäuschung … leiten zu lassen, sondern von Gottes Liebe? 

Würde ich dann als Christ aufstehen und mich solidarisch mit missbrauchten Kindern und Frauen zeigen? 

  • Würde ich mich dann aktiv gegen Kinderarmut einsetzen?
  • Würde ich dann für Gerechtigkeit … eintreten, um Kriege zu verhindern?
  • Würde ich dann bei mir beginnen, Umweltverschmutzung zu unterbinden und Unternehmen fördern, die sich um die Umwelt bemühen?
  • Würde ich dann gegen Vereinsamung angehen und mein Leben wirklich mit Menschen teilen?
  • Würde der Klimawandel dann durch mich verlangsamt?

Wie würde mein Leben aussehen, wenn Zorn, Wut und Enttäuschung nicht die Oberhand hätten und mich lähmen würden?

Wie würde mein Leben aussehen, wenn Gottes Liebe, Treue und Vergebung bei mir das letzte Wort hätten? 

– Dein Heiko

PS: „Die Wutprobe“* ist ein toller Film zu Thema, der sich komplett oder auch in Ausschnitten zur Untermalung des Themas eignet.


Dazu passt:

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf mrjugendarbeit.com.

Weitere Beiträge der Kolumne „Smarte Jugendarbeit“ sind hier gesammelt.


Heiko Metz

Heiko Metz war Jugendpastor, Landesreferent für die Arbeit mit Kindern und hat eine Kinderfreizeiteinrichtung für benachteiligte Kinder in der schönsten Stadt am Rhein geleitet. Er engagiert sich bei Compassion als Gemeindereferent und ist Lehrbeauftragter für Gemeindepädagogik/ Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an der Evangelischen Hochschule TABOR. Er liebt Kaffee, Jaguare (zum Fahren, nicht unbedingt die Tiere), Bücher, Eis, Single Malt Whisky, Swing und staunt immer wieder neu über Gottes Liebe zu den Kindern dieser Welt.

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